Please don’t touch – Hannah Kaiser

Wir mussten ein wenig warten, bis das neue Werk von Hannah Kaiser auf die treue Leserschaft los gelassen werden konnte. Meine liebe Redakteurin der Facebook-Seite Romy hat das Buch bereits vorab lesen dürfen und war begeistert und schlug Hannah vor, die Buchvorstellung auf unserem Blog zu veranstalten. Hannah war einverstanden und nun dürft ihr die ersten beiden Kapitel hier lesen.

 

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Klappentext
Gwen Campbell sucht dringend einen neuen Job, um sich selbst und ihre Tochter Livie durchzubringen – und Liam Brooks sucht dringend eine Haushälterin.
Obwohl sie ihren zukünftigen Chef gleich beim Vorstellungsgespräch ausgerechnet mit dem Gärtner verwechselt, wird sie seine Angestellte – und noch viel mehr als das. Doch noch bevor Gwen sich entscheiden kann, ihre mühsam errichteten Schutzmauern fallen zu lassen, werden beide von ihrer Vergangenheit eingeholt, die alles zu zerstören droht …

 

 

 

Kapitel 1

„Das ist eine Unverschämtheit!“, brüllt die Dame am anderen Ende der Leitung ins Telefon.
Ich widerstehe dem Drang, mir das Headset von Kopf zu reißen und drücke stattdessen ergebnislos auf der Taste an dem Computer vor mir herum, der den Ton eigentlich leiser stellen soll. Seit letzter Woche haben wir neue Soft- und Hardware erhalten, und ich komme einfach noch nicht so richtig damit zurecht.
„Ma’am, bitte! So beruhigen Sie sich doch!“ Ich setze die Stimme ein, die bei meiner Tochter Olivia Wunder bewirken kann, wenn sie zu weinen anfängt; doch meine Gesprächspartnerin scheint völlig immun dagegen zu sein.
„Ich will mich nicht beruhigen!“, schreit sie stattdessen und ich drücke immer noch verzweifelt auf der Taste für die Lautstärkenregulierung herum, weil ich das Gefühl habe, dass mir ansonsten jeden Moment das Trommelfell platzt. „Ich werde seit Wochen hingehalten. Bei der Bestellung wurde mir gesagt, dass die Lieferzeit für meinen MagicMix bei acht Wochen liegt. Die sind seit drei Tagen vorbei. Und im Forum gibt es welche, die nach mir bestellt und ihr Gerät schon letzte Woche bekommen haben!“ Sie holt tief Luft und ich finde endlich die passende Taste, um den verdammten Ton zu regulieren. „Das ist eine Unverschämtheit! Ich werde das Gerät stornieren und Sie verklagen …“
„Möchten Sie das Gerät gerne stornieren, Ma’am? Soll ich Sie an die entsprechende Abteilung weiterleiten?“ Es ist zwar nicht meine Art, unangenehme Kunden an die Kollegen abzuschieben, doch mir tun nicht nur meine Ohren weh, sondern ich bekomme auch noch Kopfschmerzen. Außerdem ist mir das in der Schulung genau so beigebracht worden – wenn jemand stornieren möchte, leite ich denjenigen weiter.
„Nein!“, schreit die Anruferin und klingt nun noch hysterischer, auch wenn ich gedacht hatte, das sei gar nicht mehr möglich. „Ich will nicht stornieren. Ich will meinen verdammten MagicMix haben. Und zwar sofort.“
„Hören Sie, Ma’am“, versuche ich es noch einmal. „Es ist wirklich überaus ärgerlich, wenn man ungeduldig auf etwas wartet und es dann nicht zum gedachten Termin ankommt.“ Soweit kann ich sie ja tatsächlich verstehen. „Ich werde mich selbstverständlich für Sie erkundigen, wo Ihr MagicMix bleibt und bin mir sicher, dass er in den nächsten Tagen bei Ihnen eintreffen wird. Allerdings ist die Lieferzeit von acht Wochen, die übrigens eine ungefähre Angabe ist, gerade um drei Tage überschritten.“
Ich hätte es nicht sagen sollen, es wird mir im selben Moment klar, in dem ich es ausgesprochen habe. Bei dieser Form von militanter Hausfrau hilft keine Logik, kein Argument – da hilft nur beschwichtigen und hoffen, dass es ganz schnell vorbeigeht.
„Aber im Vertrag standen acht Wochen! Die waren am Montag vorbei. Ich habe schon meine komplette Küche neu eingerichtet, damit ich Platz auf der Arbeitsplatte habe. Ich habe die Schnauze voll, wirklich! Das ist bereits mein dritter Anruf in dieser Woche und niemand kann mir etwas Genaueres sagen!“
Am liebsten würde ich ihr mitteilen, dass es sich nur um eine Küchenmaschine handelt. Zwar eine mit jeder Menge Hightech und sicherlich tollen Funktionen – aber meine Güte! Es ist und bleibt bloß ein Küchengerät. Es verändert nicht das Leben, es ist keine neue Niere, auch wenn der ein oder andere sich so aufführt, als würde es sich mindestens um ein lebensrettendes Organ handeln, auf das sie da warten. Ich seufze so lautlos wie möglich. Das alles sollte ich ihr eindeutig besser nicht sagen, denn ich befürchte, dass mein Chef das nicht ganz so gerne hätte. Sie ist schließlich nicht die erste hysterisch gewordene Hausfrau, die bei uns anruft, und ich bin obendrein für genau solche Fälle geschult worden.
„Ma’am ich verspreche Ihnen, ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, damit Sie Ihre neue Küchenmaschine so schnell wie möglich erhalten.“ Das kann ich leichten Herzen versprechen, denn letztendlich kann ich gar nichts machen, als ihre Beschwerde aufzunehmen. Produktion und Versand der MagicMix-Maschinen laufen vollautomatisch und computergesteuert – und wir hier im Callcenter haben letztendlich auch keine weiteren Informationen als unsere Kunden.
Irgendwann schaffe ich es, sie irgendwie abzuwimmeln, aber bloß, indem ich beinahe unhöflich werde.
„Meine Güte!“, murmle ich und zerre mir das Headset vom Kopf. Ich brauche dringend ein paar Sekunden Pause, bevor ich wieder dazu bereit bin, mich erneut anschreien zu lassen. Das machen auf die Dauer wahrscheinlich weder meine Ohren noch meine Nerven mit. Ich bin echt zu sensibel für so etwas, aber Job ist Job und ich bin auf das Geld angewiesen, wenn ich mit meiner Tochter hier in Boston bleiben will.
„Heute sind überall Irre unterwegs!“ Meine Kollegin Jane, die am Platz nebenan sitzt, hat ebenfalls ihr Headset abgenommen und bauscht nun mit den Händen ihre roten Locken auf, während sie den Kopf schüttelt. „Unglaublich ist das! Und alles wegen einer digital gesteuerten Küchenmaschine. Das Ding kocht doch auch nicht von selbst!“
Ich seufze tief, diesmal laut hörbar.
„Bei manchen Kunden hat man fast den Eindruck, dass er beim Vorführabend einen dieser komischen Kochchips heimlich ins Hirn implantiert bekommen hat. Als gäbe es auf der Welt sonst keine Probleme!“
Wir lachen beide kurz, bevor wir uns wieder an die Arbeit begeben.
Auch wenn ich mich manchmal ärgere und mir, so wie gerade mit meiner Kollegin, ein bisschen Luft machen muss, bin ich trotzdem froh, den Job hier zu haben. Außerdem sind die meisten Kunden sehr nett, aber an manchen Tagen treten die durchgeknallten einfach gehäuft auf. Mal ehrlich: Wer ruft denn wegen drei Tagen Verspätung täglich beim Kundenservice an?
Ich lasse mich ja immer mehr zu der Theorie hinreißen, dass es am Vollmond liegt, Beweise habe ich dafür natürlich keine. Ich strecke mich noch einmal, bevor ich mich wieder an die Arbeit mache und mit den entsprechenden Tastenkombinationen kämpfe, um einen Anrufer entgegenzunehmen.
„Guten Tag, Sie sprechen mit dem MagicMix-Kundenservice. Mein Name ist Gwen. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“, rattere ich mein Sprüchlein herunter, das mir in den drei Monaten, in denen ich hier arbeite, bereits so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass ich mich manchmal sogar versehentlich zu Hause damit melde.

Kapitel 2

„Gwen? Würden Sie bitte mal in mein Büro kommen?“ Der Ton meines Chefs ist streng und ich bekomme umgehend Bauchschmerzen. Verzweifelt durchforste ich mein Gedächtnis nach irgendetwas, das ich falsch gemacht haben könnte, mir will jedoch partout nichts einfallen.
„Jane, Sie kommen bitte auch mit.“
Meine Kollegin und ich tauschen einen verwunderten Blick aus, dann lächelt Jane und zuckt mit den Schultern.
„Keine Ahnung, was los ist!“, flüstert sie mir zu, während wir zum Büro unseres Chefs gehen, und lächelt aufmunternd. Ich habe sie, seit ich hier vor drei Monaten angefangen habe zu arbeiten, noch nie mit schlechter Laune erlebt. Ich bewundere Menschen dafür, wenn sie alles gelassen hinnehmen können.¬¬
Ich würde das gerne ebenfalls können, aber mir gelingt das nur mäßig. Vielleicht habe ich einfach schon zu viele unschöne Seiten des Lebens mitbekommen, sodass ich diese nicht mehr komplett ignorieren kann und mir oft zu viele Sorgen um alles mache.
Doch zumindest kurzfristig lasse ich mich von Janes Optimismus anstecken und versuche es auch mit einem kleinen Lächeln.
Das Lächeln vergeht mir jedoch ziemlich schnell, als wir im Büro meines Chefs angekommen sind. Spätestens, als er sich mit ernster Miene hinter seinen Schreibtisch gesetzt hat und uns mit einer Geste bedeutet, auf der anderen Seite Platz zu nehmen.
Die Stühle sind hart und unbequem, das ist mir schon das letzte Mal aufgefallen, als ich zu meinem Vorstellungsgespräch in diesem Büro gegessen habe. Unruhig verschränke ich die Hände in meinem Schoß und betrachte die violetten Blümchen auf dem knielangen Sommerrock, den meine Tochter so sehr liebt.
„Meine Damen …“ Unser Chef räuspert sich. „Ich glaube, ich habe bereits mehr als einmal deutlich erwähnt, dass Gespräche privater Natur während der Arbeitszeit untersagt sind. Das steht auch eindeutig in Ihrem Arbeitsvertrag.“ Ich werfe einen kurzen Blick zu Jane rüber, die ebenso verwirrt aussieht, wie ich mich fühle. Sie holt Luft, um etwas zu erwidern, ihr Versuch wird jedoch umgehend im Keim erstickt. „Obendrein ist es eindeutig verboten, sich in schädigender Weise über unsere Arbeit zu äußern.“
Jetzt lässt Jane sich nicht mehr aufhalten und fällt unserem Chef ins Wort:
„Entschuldigen Sie bitte, warum erzählen Sie ausgerechnet uns das?“
Diese Frage stelle ich mir auch, aber ich bin froh, sie nicht selbst aussprechen zu müssen. Unser Chef hat etwas an sich, das mich einschüchtert.
„Ach so, die Damen? Dann waren dies hier wohl nicht Sie?“
Er gibt irgendetwas an seinen Computer ein, anschließend ist meine eigene Stimme im Raum zu hören, die sich darüber auslässt, dass es Kundinnen gibt, denen man einen Chip implantiert hat. Meine Bauchschmerzen werden dadurch schlimmer. Das hier wird niemals gut ausgehen.

Eine halbe Stunde später stehe ich mit Jane im Treppenhaus, einen halben Kopf kürzer, mit meinen wenigen Habseligkeiten im Arm, die ich ins Büro mitgebracht habe, und mit einer sofortigen Kündigung.
„Wer kann denn auch ahnen, dass deine Kundin nicht auflegt, nachdem das Gespräch beendet war, und sich auch noch gleich beschwert?“
Jane legt mir tröstend die Hand auf die Schulter. Im Gegensatz zu mir ist sie ziemlich gefasst. Wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil sie auf den Job nicht wirklich angewiesen ist, und ihn, soweit ich weiß, nur gemacht hat, weil sie ein bisschen was dazu verdienen wollte.
„Ich hätte das aber kontrollieren müssen. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass das Gespräch beendet ist. Dieses verdammte neue System …“ Ich spüre, wie Tränen in meine Augen schießen und dränge sie mit Macht zurück. „Es tut mir so leid“, flüstere ich. Jane bleibt mitten im Treppenhaus stehen.
„Hey, hör auf dich zu entschuldigen. Ich persönlich war den Job hier ohnehin schon lange leid. Und du findest sicherlich auch bald etwas Besseres. Da bin ich mir ganz sicher.“ Mittlerweile sind wir auf dem Parkplatz angekommen. „Lass den Kopf nicht hängen. Das wird schon alles werden. Sei froh, dass du den blöden Job los bist.“ Sie drückt mich noch einmal, dann steigt sie in ihr Auto, winkt mir zu und fährt davon.

Ich selbst bleibe eine Weile in meinem Wagen sitzen, ohne mich zu bewegen. Dann umklammere ich das Lenkrad und lasse meinen Kopf auf meine Arme sinken. Mein Magen tut so sehr weh, dass ich mich zwingen muss, langsam und ruhig zu atmen.
Dass ich diesen Job verloren habe, ist eine Katastrophe.
Und ich rede nicht von einer Katastrophe im Sinne von Ich-weiß-nicht-wie-ich-mir-jetzt-ein-neues-Paar-Schuhe-kaufen soll. Sondern eine Katastrophe im Sinne von Meine-Tochter-und-ich-müssen-zukünftig-unter-der-Brücke-wohnen.
Das hätte nie passieren dürfen. Niemals.
Draußen fängt es an zu regnen. Dicke, hässliche Tropfen fallen auf das graue Blech meines Autos und ich habe das Gefühl, als würde der Himmel über mir zusammenbrechen.
Ich weiß nicht, wie lange ich einfach nur dasitze und mich selbst bemitleide, aber irgendwann ist es an der Zeit loszufahren.
Statt direkt nach Hause zu fahren, klappere ich alle Diner in der näheren Umgebung ab, frage an jeder Tankstelle nach und renne in jeden Supermarkt – aber vergebens. Nirgendwo wird auch nur eine Aushilfskraft gesucht.
Irgendwann mache ich mich doch auf den Heimweg. Olivia kommt gleich aus der Schule nach Hause und auch wenn sie für ihre zehn Jahre schon wirklich sehr vernünftig ist, finde ich es wichtig, wenn ich da bin, sobald sie heimkommt. Sie hat in diesem Leben ebenfalls schon genug durchmachen müssen, und leider bin ich an dem ein oder anderen nicht ganz unschuldig.
Die letzten drei Jahre waren wir ständig unterwegs und sind von einem Ort zum nächsten gezogen, und haben es doch nirgends lange aushalten können. Bevor wir zurück nach Boston gezogen sind, waren wir in einem kleinen verschlafenen Kaff in Nebraska, wo ich in einem Catering-Service mitgearbeitet habe. Wir hatten eine gute Zeit dort, meine Chefin war sehr lieb, aber wenn man eine Großstadt wie Boston gewöhnt ist, ist so ein kleines Dorf wie Greenwish eine riesige Umstellung, und Livie und ich hatten einfach Heimweh. Doch durch den ständigen Wohnortwechsel ist es mir umso wichtiger, dass wenigstens ich selbst eine Konstante in ihrem Leben bin und so viel für sie da sein kann wie nur eben möglich.
Bevor sie aus der Schule kommt, setze ich mich an den Küchentisch und mache einen Kassensturz. Unser spärliches Erspartes reicht noch genau zwei Wochen, dann weiß ich nicht mehr, wie ich die Miete bezahlen soll – oder unserer Essen. Aber das muss Olivia nicht erfahren, auch wenn ich ihr durchaus erzählen werde, dass ich meinen Job verloren habe. Sie wird ohnehin merken, dass irgendetwas mit mir los ist, und es widerstrebt mir, sie bei solchen Dingen anzulügen. Wie soll sie lernen, mir zu vertrauen, wenn ich es nicht ebenfalls tue? Natürlich muss man Kindern nicht immer alles erzählen, doch ein gewisses Maß an Ehrlichkeit sollte man durchaus an den Tag legen.
Das Klingeln des Telefons reißt mich schließlich aus meinen Gedanken. Ich weiß, dass ich ein bisschen hysterisch bin diesbezüglich, aber jedes Mal, wenn es klingelt und meine Tochter nicht zu Hause ist, werde ich panisch, weil ich denke, dass Livie irgendetwas passiert sein könnte. Ich weiß, dass sich vermutlich alle Menschen Sorgen um ihre Kinder machen, doch ich habe so einen Anruf schon einmal erlebt und er hat Livies und mein Leben komplett auf den Kopf gestellt.
„Hallo?“ Meine Stimme klingt seltsam dünn, als ich den Anruf annehme.
„Hi Gwen, ich bin’s, Skye!“ Meine Schwester – mir fällt ein Stein vom Herzen. „Alles okay mit dir? Du hörst dich gar nicht gut an.“
„Skye!“ Niemand würde denken, dass wir Halbgeschwister sind, wenn er uns zum ersten Mal sieht. „Schön, dass du anrufst. Wie geht es dir? Was macht dein Atelier?“
Normalerweise ist das ein hervorragendes Ablenkungsmanöver, denn Skye liebt ihr Atelier, das sie erst seit einem halben Jahr gemietet hat, und in dem sie selbst hergestellten Schmuck verkauft. „Auf den Trick falle ich nicht herein, meine Liebe!“ Ich kann die kleinen Lachfältchen um ihre katzengrünen Augen beinahe vor mir sehen, als sie hinzusetzt: „Zumindest diesmal nicht. Also, was ist los?“
Ich seufze tief. Tatsächlich rede ich nicht gerne über meine Probleme, und auch wenn Skye meine Schwester ist und wir uns sehr mögen, sind wir nicht miteinander aufgewachsen und uns deshalb vielleicht nicht ganz so vertraut, wie andere Geschwister es miteinander sind. Andererseits habe ich ihr in weitaus schlimmeren Zeiten schon weitaus schlimmere Dinge anvertraut, und sie war für Livie und mich da und hat uns aufgenommen, nachdem wir aus Boston geflohen sind und nicht wussten, wohin wir sonst gehen könnten.
„Ich habe heute meinen Job im Callcenter verloren“, sage ich schließlich etwas zögerlich. „An sich sollte man ja meinen, dass es in einer Stadt wie Boston genug Jobs geben würde, aber zumindest heute habe ich nichts gefunden. Unser Geld ist fast aufgebraucht und ich … na ja. Ich bin etwas in Panik. Was eigentlich albern ist, da ich ja erst seit einem halben Tag nach etwas Neuem suche.“
„Du bist halt nicht nur für dich allein verantwortlich. Es ist doch normal, dass man da erst mal in Panik gerät!“ Keine Ahnung, wie sie das immer macht, doch sie schafft es, dass es mir in nur wenigen Sekunden besser geht. „Ich bin mir sicher, dass du etwas Neues finden wirst. Ansonsten müsst ihr eben zurück zu mir nach San Francisco kommen. Ich vermisse euch hier sowieso.“
„Wir vermissen dich auch! Nur diese grässliche Stadt nicht.“ San Francisco mag für viele die Erfüllung all ihrer Träume sein; ich finde diese Stadt einfach furchtbar. Es ist mir zu warm, zu schwül, die Menschen sind mir zu hipp, es ist zu laut, zu schnell – und das Schlimmste: Es gibt keinen Winter. Im Sommer mag es ja sehr schön sein, doch ich finde, nichts geht über einen anständigen Winter mit Schnee und Eis und einem heißen Glas Tee, Punsch oder Glühwein unter einer gemütlichen Decke auf dem Sofa. Außerdem ist Weihnachten mit Palmen für mich kein richtiges Weihnachten.
„Hey, San Francisco gehört zu den schönsten Städten der Welt, du Banausin!“ Einen kurzen Moment lachen wir beide, bevor Skye wieder ernst wird. „Aber ich selbst weiß am allerbesten, wie wichtig es ist, dass man sich dort wohlfühlt, wo man wohnt. Dennoch weißt du, dass Olivia und du immer bei mir willkommen seid, oder?“
„Das weiß ich, Skye. Du bist eben die Beste.“
„Wunderbar, dass du das einsiehst! Seltsamerweise ist es noch nicht jedem bekannt, wie toll ich eigentlich bin“, erwidert sie fröhlich, und ich bewundere sie ein bisschen dafür, dass sie meistens gut gelaunt ist, obwohl sie weiß Gott ebenfalls genug Gründe dafür hätte, ab und an in Depressionen zu versinken. „Ich wollte nur schnell hören, wie es dir geht, jetzt muss ich leider los, Liebes. Ruf mich bitte an, wenn du was brauchst, okay? Wir müssen schließlich zusammenhalten.“

Nachdem wir uns verabschiedet und aufgelegt haben, denke ich darüber nach, wie gut es ist, wenn man Menschen hat, auf die man sich immer verlassen kann.
Zugegeben, allzu viele davon gibt es in meinem Leben nicht. Neben Skye ist da noch Cherry, die mittlerweile eine enge Freundin geworden ist. Aber in diesem Bereich geht Qualität ja ohnehin ganz eindeutig vor Quantität.
Dennoch regele ich meine Angelegenheiten lieber selbst; ich bitte andere nicht gerne um Hilfe, zumal ich sowohl Cherrys als auch Skyes Hilfe viel zu oft in Anspruch genommen habe. Ich möchte nicht, dass ausgerechnet die Menschen, die mir in meinem Leben wirklich etwas bedeuten, von mir denken, ich sei schwach und hilflos und eine Last für andere. Andererseits habe ich auch gelernt, dass es manchmal ganz ohne fremde Hilfe einfach nicht geht, und dass man seinen Lieben mitunter mehr Kummer bereitet, wenn man darauf verzichtet und versucht, alles mit sich allein auszumachen.
Eine Weile bleibe ich noch am Küchentisch sitzen und hänge meinen Gedanken nach, bevor ich aufstehe, um Livie und mir Abendessen zu machen.
Selbst wenn meine Stimmung immer noch nicht gerade als gut zu bezeichnen ist, sind zumindest die starken Magenschmerzen verschwunden, die ich vorhin noch hatte. Natürlich ist meine Situation nicht unbedingt rosig, aber es könnte auch schlimmer sein.
Der alte Gasherd braucht fünf Versuche, bis er endlich anspringt und in den billigen Aluminiumtöpfen ist schon vor unserem Einzug so häufig das Essen angebrannt, dass man sie gar nicht mehr komplett sauber bekommt.
Wir haben die Wohnung möbliert gemietet. In den letzten Jahren sind wir so oft umgezogen, dass wir selbst kaum noch Gepäck haben.
Als wären wir auf der Flucht!
Der Gedanke an Flucht ist wirklich mein ständiger Begleiter in den letzten Jahren gewesen, und unsere häufigen Wohnortwechsel hatten tatsächlich etwas von einer Flucht.
Aber nun ist es Zeit, endlich zur Ruhe zu kommen.
Wäre Livie nicht, ich weiß nicht, ob ich nach Boston zurückgekommen wäre. Hier sind ihre Wurzeln, sie hat ihre Großeltern hier, die meine Tochter sehr verhätscheln, was ein seltener Luxus für sie ist, da ich selbst meistens weder die Zeit noch die Mittel dazu habe.
Boston ist einfach ihr Zuhause, und meines ebenfalls.
Der schwache Geruch von Gas verbreitet sich in der kleinen Küche und mischt sich schnell mit dem Duft von Makkaroni mit Käsesauce – dem Lieblingsessen meines kleinen Mädchens, wie dem so vieler anderer Kinder auch.
Es riecht vertraut, nach vielen Abenden voller Kinderlachen und Gesprächen, nach meiner eigenen Kindheit und nach einer flüchtigen Illusion von Glück.
Lächelnd streiche ich die geblümte Wachstischdecke glatt, bevor ich zwei angeschlagene Teller auf den Tisch stelle, deren oranges Muster aus den siebziger Jahren sich entsetzlich mit den rosa Blümchen der Tischdecke beißt.
Ich lasse mich auf den Stuhl sinken und lege meinen Kopf auf den Tisch. Ein paar Minuten lang gebe ich mich völligem Selbstmitleid hin, denn manchmal habe ich das Gefühl, auf ganzer Linie versagt zu haben.
Ich bin achtundzwanzig Jahre alt. Ich habe keine abgeschlossene Berufsausbildung, keinen festen Job, und als Mutter war ich jahrelang eine absolute Nullnummer. Ich bin beziehungsunfähig, und leider sehe ich auch nicht sonderlich gut aus. Ich schlafe und esse zu wenig, weine dafür zu viel, und manchmal, ja manchmal, da würde ich mir wünschen, ein völlig anderer Mensch zu sein. Aber wenn ich in den letzten Jahren etwas gelernt habe, ist es Folgendes: Man kann vor allem Möglichen davonlaufen, nur vor sich selbst nicht. Mit sich selbst muss man lernen zu leben, und man muss lernen, das Beste daraus zu machen.
Ich atme ein paar Mal tief durch, dann stehe ich auf und stelle den Herd ab.
Beinahe im selben Moment kommt Livie nach Hause. Ich höre sie leise vor sich hin singen, bevor sie die Tür aufschließt.
„Hallo Mommy!“ Sie kommt auf mich zu und gibt mir einen Kuss. Wie jedes Mal, wenn ich sie ansehe, finde ich es unfassbar, wie groß sie geworden ist. Nächstes Jahr wird sie elf, und man kann schon jetzt erahnen, was für eine hübsche junge Frau sie irgendwann einmal sein wird. Zumindest ich kann das, aber in meinen Augen wird sie wohl ohnehin immer das bezauberndste Wesen der Welt sein. Schließlich bin ich ihre Mutter und genauso sollte es schließlich sein. Sie ist ein echter Sonnenschein und das Wertvollste, das ich habe.
„Hallo Olivia, mein Schatz!“ Ich streichle ihr über den Kopf.
„Oh! Makkaroni und Käse!“ Erfreut klatscht sie in die Hände, als sie den Inhalt des Topfes entdeckt. „Gibt es etwas zu feiern oder ist etwas passiert?“
Ich muss lächeln.
„Wasch dir die Hände und dann reden wir beim Essen.“
Ich betrachte ihre kleinen schmalen Schultern, während sie sich an der Küchenspüle ihre Hände wäscht, und gebe noch eine Kelle Nudeln auf ihren Teller.
„Wie war es in der Schule?“ Irgendwie ist mir noch nicht danach, auf meinen verlorenen Job zu sprechen zu kommen.
„Oh, es war super!“ Strahlend dreht sie sich zu mir um. „Ich bin im Volleyballteam! Und die neue Schule gefällt mir viel, viel besser als die alte.“
Munter plappert sie drauflos und erzählt mir von ihrem Tag, von der neuen Schule, die sie seit ein paar Wochen besucht, und von ihren neuen Lehrern und Mitschülern, die sie größtenteils gerne leiden mag. Wenn man Livie so zuhört, könnte man glauben, dass hier alles irgendwie größer, schöner und toller ist als in dem kleinen verschlafenen Nest, in dem wir vorher gewohnt haben. Sie legt all den Enthusiasmus an den Tag, den man nur aufbringen kann, wenn man ein zehnjähriges Mädchen ist und irgendetwas toll findet.

In dieser Nacht kann ich nicht schlafen, wie so oft in den vergangenen drei Jahren.
Vielleicht liegt es an der kompletten Tafel Schokolade, die ich vorhin noch gegessen habe. Kakao soll ja anregend wirken.
Noch viel wahrscheinlicher ist allerdings, dass es an meinem schlechten Gewissen liegt. Mein ewiger Begleiter.
Livie hat die Nachricht über meinen verlorenen Job erstaunlich gelassen hingenommen – und schließlich war sie diejenige, die mich getröstet hat und meinte, wir würden das schon irgendwie hinbekommen. Dabei sollte so etwas doch umgekehrt laufen. Sie ist viel zu vernünftig für ihr Alter, und jedes Mal, wenn ich das denke, versetzt es mir einen Stich. Kinder sollten nicht so sein, sie sollten unvernünftig sein dürfen, egoistisch und naiv. Sie sollten einen Wutanfall bekommen, wenn ihnen ihre Mutter mitteilt, dass sie vielleicht wieder umziehen müssen und nicht auf der tollen neuen Schule bleiben können, die sie so sehr mögen.

Als Kind habe ich gedacht, dass man seine Probleme los ist, wenn man erst einmal erwachsen ist. Man darf alles selbst entscheiden, man muss nicht mehr in diese blöde Schule, hat keine Hausaufgaben und keine Klassenkameraden, die einen hänseln, hat Süßigkeiten, wann immer man möchte – und Unabhängigkeit.
Keine Eltern, die einem vorschreiben, was man anzuziehen hat, wohin man gehen soll, welche Freunde man hat.

Ja, als Kind war ich wirklich fest davon überzeugt, dass alles besser wird, wenn ich erst erwachsen bin, dass sämtliche Sorgen wie von selbst verschwinden.
Leider habe ich nicht bedacht, dass Sorgen mitwachsen. Die, die man seiner selbst willen hat, sind schon schlimm genug, aber die Sorgen, die man sich macht, wenn man Kinder hat, sind noch viel, viel größer.
Ich war gerade achtzehn, als ich schwanger geworden bin, und nach dem ersten Schock habe ich mich wahnsinnig darüber gefreut.
Wenn mir meine Geschichte jemand anderes erzählen würde, würde ich vermutlich den Kopf schütteln, weil sie klingt wie ein schreckliches Klischee.
Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich noch ein kleines Mädchen war, mein Vater hat uns für eine Frau verlassen, die fünfzehn Jahre jünger als er selbst war und ihn so sehr beschäftigt hat, dass er auch für mich keine Zeit mehr hatte. Meine Mutter konnte das nie überwinden und hat sich mit einer nicht enden wollende Reihe von Männerbekanntschaften getröstet. An sich wäre das natürlich kein Problem gewesen, wenn sie ein klitzekleines bisschen diskreter dabei gewesen wäre, und wenn sie mir nicht ständig einen anderen dieser Männer als meinen neuen Daddy vorgestellt hätte.
Ich kann mich daran erinnern, dass ich mich über die ersten neuen Väter noch gefreut habe; es hat eine Weile gedauert, bis ich erkannt habe, dass es sich nicht lohnt, mein Herz an einen von ihnen zu verschenken – denn in der Regel waren sie schneller wieder weg, als ich gebraucht habe, um mich richtig an sie zu gewöhnen.
Solange ich zurückdenken kann, habe ich mich nach Kontinuität gesehnt. Nach einem richtigen Zuhause, nach Eltern, die mich lieben, nach einer heilen Familie.
Als ich mit achtzehn schwanger geworden bin, fand ich das nicht einmal schlimm. Ich war jung und naiv genug zu glauben, dass Greg Junior und ich miteinander glücklich werden würden. Vater, Mutter, Kind. Die perfekte kleine Familie.
Leider läuft im Leben nicht immer alles so, wie man sich das vorstellt.
Ich habe keinen Collegeabschluss gemacht, weil ich das Arbeitspensum schwanger nicht schaffen konnte, meine Noten nicht ausgereicht haben, und ich deshalb mein Stipendium verloren habe.
Und Greg Junior … na ja. Der war eben Greg.
Und ich … ich war lange Zeit viel zu verliebt, um zu erkennen, dass er weder gut für meine Tochter noch für mich ist.
Als ich es erkannt habe, war es beinahe zu spät.
Draußen wird es schon fast wieder hell, als ich aufstehe, um mir in der Küche einen Kräutertee zu kochen. Die Magenschmerzen sind zurück und ich beschließe, dass gar kein Schlaf vermutlich immer noch besser sein dürfte als die anderthalb Stunden, die ich noch habe, bis mein Wecker klingelt.
Also ziehe ich mich an und laufe nach unten zu dem kleinen Kiosk neben unserem Haus, der rund um die Uhr geöffnet hat.
„Guten Morgen, Gwen. So früh schon auf den Beinen?“ Jordan, dem Besitzer des Kiosks, fehlt ein Schneidezahn, was ihn aber nicht davon abhält, ständig alle Frauen anzulächeln, die seinen Laden betreten. Er gehört zu jener Art von Männern, die sich bewegen, als wären sie untenrum überdurchschnittlich gut ausgestattet, bei denen man sich jedoch irgendwie sicher ist, dass das Gegenteil der Fall sein muss. Ich weiß nicht, was mich geritten hat, als ich ihm meinen Vornamen verraten habe, es muss ein sehr, sehr schwacher Moment von mir gewesen sein und war eindeutig nicht mein bester Tag.
„Guten Morgen, Jordan“, murmle ich, ohne ihn dabei wirklich anzusehen, und lege schnell die Zeitung hin, die ich aus einem Ständer neben dem Tresen genommen habe. „Ich habe gleich einen Termin.“ Zumindest hoffe ich das, ich bete, dass ich heute noch mindestens ein Vorstellungsgespräch haben werde.
„Ach, wie schade!“ Wieder dieses halb zahnlose Lächeln. „Ich hätte dich sonst gerne auf einen Kaffee eingeladen.“ Er beugt sich zu mir herüber, als würde er mir ein Geheimnis anvertrauen wollen, und ich kann riechen, dass er seine Klamotten seit mindestens drei Tagen nicht mehr gewechselt haben dürfte. „Normalerweise gebe ich Frauen ja nur bei mir im Bett ein Frühstück aus. Aber bei dir würde ich eine Ausnahme machen!“
Ich murmle irgendetwas Unverständliches als Antwort und verlasse dann beinahe fluchtartig den Kiosk. In Jordans Anwesenheit vergeht mit schlagartig der Appetit. Da mag ich nicht mal an Essen denken, und schon gar nicht bei ihm im Bett.
Auch wenn Jordan vermutlich völlig harmlos ist und er seinen kleinen Laden ohnehin nicht alleinlassen würde, habe ich es auf einmal eilig, wieder zurück in die Sicherheit meiner Wohnung zu kommen. Typen wie er sind mir unheimlich.
Bis Livie aufsteht, um zur Schule zu gehen, habe ich bereits alle Stellenanzeigen durchforstet, die infrage kommenden markiert und mir eine Liste mit allen Jobs und Telefonnummern bzw. Adressen angelegt, bei denen ich mich heute melden will.
Wenn ich schon nicht schlafen kann, kann ich die Zeit ja zumindest sinnvoll nutzen. Als ich mit Livie zusammen das Haus verlasse, um meine Liste abzuklappern, ist der unangenehme Knoten in meinem Magen fast verschwunden.
Auch am nächsten und am übernächsten Tag bleibe ich noch halbwegs optimistisch, dann sind die Magenschmerzen wieder da, so stark, dass ich nachts deshalb nicht schlafen kann.
Es ist mir ein Rätsel, wo die Leute immer ihre Jobs hernehmen.
Wenn man das manchmal so liest oder hört, scheinen zumindest Gelegenheitsjobs ja quasi auf der Straße zu liegen, und jeder, der bloß will, sich stark genug bemüht und obendrein bereit ist, auch mal hart zu arbeiten, findet angeblich etwas.
Das mag für alle gelten – aber offensichtlich bin ich wohl nicht alle. Denn obwohl ich wirklich jede erdenkliche und unerdenkliche Stelle abgeklappert habe, mich von Telefonistin über Putzfrau bis hin zu Verkäuferin wirklich überall beworben habe, wo ich auch nur den Hauch einer Chance sehen konnte – ich habe keine Stelle gefunden.
Überall bin ich vertröstet worden, in ein paar Wochen wäre bestimmt wieder eine Stelle für mich frei. Leider kann ich nicht so lange warten, weil ich nicht weiß, wie ich bis dahin Essen und Miete bezahlen soll. Im Moment sind Semesterferien und die Stadt scheint überfüllt zu sein mit Studenten, die genauso scharf auf einen Job sind wie ich. Dass ich Livie nicht stundenlang alleinlassen möchte, vor allem nachts nicht, kommt erschwerend hinzu. Ich habe mein Lehrgeld diesbezüglich gezahlt, und ich habe teuer bezahlen müssen.
Letztendlich bleibt die Jobsuche die gesamte Woche erfolglos und am Ende bin ich ebenso verzweifelt wie übermüdet.
„Was ist denn mit dir los?“ Cherry lässt entsetzt ihren Bleistift fallen, als ich sie in ihrem Büro besuchen komme, und ich könnte schwören, dass sie alle sichtbaren Stellen meines Körpers auf Hämatome absucht, vermutlich, ohne dass ihr das überhaupt bewusst ist. Man kann sich eben niemals komplett von seiner Vergangenheit lossagen, egal, wie sehr man es auch versucht. Man muss lernen, damit zu leben und sie auszuhalten, so wie ich Cherrys musternden Blick aushalten muss.
Zu ihr zu kommen ist mir alles andere als leichtgefallen. Was absolut nicht an Cherry selbst liegt, ganz im Gegenteil. Zwischen uns hat sich in den letzten Jahren eine Freundschaft entwickelt, auch wenn wir meist nur per Brief oder Telefon zueinander Kontakt hatten. Sie hat Livie und mir einmal sehr geholfen; zusammen mit ihrem Mann Grayson führt sie einen Verein, der sich um sozial benachteiligte Kinder kümmert. Meine Tochter war früher regelmäßig hier.
Früher war das für mich selbstverständlich. Ich habe gearbeitet, hatte zwei Jobs, damit wir genug Geld zum Leben hatten, während Greg zu Hause geblieben ist, um sich um Livie zu kümmern; zumindest dachte ich das.
Müde reibe ich mir die Augen.
„Ich brauche dringend einen neuen Job.“ Lange um den heißen Brei herumzureden war noch nie meine Stärke. „Ich hatte gehofft, dass du oder Grayson vielleicht etwas wüsstet, ihr kennt doch so viele Leute. Mir ist ganz egal, was. Du weißt, dass ich mich auch nicht davor scheue, mir die Hände schmutzig zu machen. Es muss nur halbwegs mit Livies Schulzeiten übereinstimmen.“
Für einen kurzen Augenblick huscht eine Spur von Erleichterung über Cherrys Gesicht, wer weiß, was sie erwartet hatte, weshalb ich hier bin. Schließlich zeigt sie ein aufmunterndes Lächeln.
„Ich höre mich um. Mach dir keine Sorgen, wir finden schon etwas für dich.“ Ihr Optimismus wirkt beinahe ansteckend. Wir unterhalten uns noch eine Weile über alles Mögliche, bis ich mich verabschiede. Obwohl sie keine konkreten Zusagen gemacht hat, fühle ich mich dennoch etwas besser, als ich mich von ihr verabschiede. Wenn das jemand hinbekommt, dann ist es ganz sicher Cherry!

 

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